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Zur Lage der Nation

Rezession – die Verantwortung der Journalisten

Liebe JournalistInnen,

man hofft immer, Ihr müsstet während des Studiums wenigstens zwangsweise je zwei Semester Mikro- und Makroökonomievorlesungen besuchen – dann würdet Ihr vielleicht ein wenig anders schreiben, als Ihr jetzt schreibt.

An jeden Stand gibt es ja gewisse Mindestanforderungen, in Deutschland und den meisten mehr oder minder ausgeprägten Demokratien hat die Journalie die Aufgabe, dem geneigten Bürger Information bereitszustellen und dabei die Neutralität zu wahren. Ich schreibe mehr oder minder, da ja die wenigsten Medien ihre Neutralität wahren [1] (abgesehen von der systemischen Unmöglichkeit vollständig neutral zu sein) und damit ihrer Aufgabe im demokratischen Prozess nicht gerade in Reinstform nachkommen: Springer fördert merkwürdige Gewerkschaften, damit sie ihr Briefzusteller-Venture durchbekommen und beweihräuchern das begleitend in der Bild und von amerikanischen Medien wollen wir garnicht sprechen, in einem so tief von politischen Gräben durchzogenen Land, scheint echte Neutralität ja kaum noch möglich. Es gäbe da also so einige Baustellen zu diskutieren, machen wir aber heute nicht.

In einem 1-Satz-Exkurs will ich in dem Zusammenhang übrigens mal dort loben, wo man es vielleicht garnicht vermuten würde: beim Stern. Die prügeln regelmässig auf die Regierung ein, egal welche Farbkombination gerade dran ist und erfüllen damit eine Grundaufgabe eines Nachrichtenmagazins. Dem Spiegel wird von vielen eine bessere Gesamtqualität und weniger boulevardesquere Ausrichtung beigemessen, das mag auch stimmen, in der vorgenannten Disziplin liegt aber der Stern vorne.

Anrecht auf umfassende Betrachtung

Kommen wir zurück zum Kern der Sache: der Neutralität der Information und dem Anspruch und vor allem Anrecht auf eine umfassende Betrachtung. Manchmal ist man sich recht sicher, dass eben Neutralität und Vollständigkeit auf der Strecke bleiben. Im Zuge von Publikationsdruck und, aktuell zu beobachten, durch journalistischen Gruppenzwang ausgelöstem Konjunktur-bashing wird immer noch mehr herunter geschrieben: 0,3-Prozent Wachstum, 0-Prozent Wachtum, minus-Prozent Wachstum.
Tolle Schlagzeilen-Kette, aber auch eine wahre Kette? Wo steht denn in Euren Überschriften, dass es sich vielleicht nur um eine tiefe, aber möglicherweise kurzfrisitge Konjunkturdelle im Nachgang zur Finanzkrise handelt?

Am liebsten würdet Ihr in Eurer Sensationsgeilheit doch schreiben “baut Euch Bunker und lagert Konserven ein”, nur um die oder der Erste zu sein, d(i)e(r) das schreibt – das geht allerdings in die falsche Richtung. Die Lage muss diskutiert und kommuniziert werden, richtig, aber nicht permanent schlechter geredet. Schlechter redet ihr sie dann, wenn ihr unablässig nur die negativen Fakten wiedergebt und die andere Seite unter den Tisch fallen lasst, einfach nur, um im Nachrichten-Trend oben mitzuschwimmen. Fleissig mitgemacht, wenig selbst gedacht? Obacht, meine Damen und Herren!

Binnenkonjunktur: manchmal ein psychologischer Teufelskreis

Leider, leider handelt es sich insbesondere bei der Konjuktur im Inland um eine Bewegung, die stark von der öffentlich vorherrschenden Meinung beeinflusst wird – weswegen ja bedauerlicher Weise auch den Journalisten eine so herausragende Rolle zukommt.

Irgend ein Wirtschaftsforschungsinstitut kommt im Zuge des normalen Zyklus und im Schatten der abklingenden Finanzkrise auf die Idee, wieder einmal die Unternehmen zu befragen: ein paar hundert statistisch exemplarische Firmen werden befragt und die befinden vielleicht, die Lage sei im Moment “unbestimmt” und es gäbe einzelne Ausfälle. Die Wirtschaftsforscher fassen das zusammen, schreiben als Tenor “moderat” oder “nicht so gut” unter ihr Gutachten – und verkaufen das Gutachten der Presse.

Die Presse schreibt “nicht so gut” und weil sich reisserische Nachrichten besser verkaufen, als richtige, wird noch ein klein wenig Panik verbreitet: lieber mal “GARNICHT SO GUT” geschrieben und auch in Grossbuchstaben – und alle Leser ziehen sich finanziell in ihr Schneckenhaus zurück, ducken sich und geben kein Geld mehr aus (die Sparquote steigt, heisst das dann im Fachjargon). Die Umsätze schrumpfen und die ersten Unternehmen stellen nicht mehr ein oder entlassen Mitarbeiter, allen geht es schlechter – und bei der nächsten Umfrage geben die Unternehmen beim Stimmungsbild dann ganz sicher “schlecht” an.
So wird in 5 Sätzen aus “unbestimmt” eine weltweite, mindestens aber landesweite Konjunkturkrise. Na besten Dank.

Um mal meinen berühmten VWL-Professor zu zitieren: “Wäre ich ein Politiker, würde ich nicht müde eine gute Stimmung herbeizureden.”, denn genau die tritt dann tatsächlich auch ein. Wenn es den Leuten scheinbar gut geht, geben sie mehr aus, die Konjunktur zieht an, es wird mehr umgesetzt und mehr Mitarbeiter eingestellt: die Spirale dreht sich in die richtige Richtung.

Ich will nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch andere und gewichtige Einflussfaktoren auf das Wirtschaftswachstum gibt und ich die Verkettung im vorletzten Absatz stark vereinfacht habe, wie wichtig die Psychologie allerdings als Einflussfaktor ist, lässt sich auch an der gerade vergangenen Finanzkrise ableiten: die Banken trauen sich neuerdings nicht mehr, gegenseitig Kredite zu vergeben!

Jahrelang hatte man glückseelig die Lage verpeilt, tolle Gewinne aus dem Nichts generiert, Fabelgeschäfte gemacht und am Ende die Staaten die Rechnung bezahlen lassen – und allen ging es ganz herrlich dabei, pulsierende Stimmung in allen Gassen! Nun, nach dem eigentlichen GAU – und das Schlimmste scheint ja zum Glück überstanden, weil alle Staaten mit Milliarden bürgen und faule Kredite kaufen – traut man sich plötzlich nicht mehr, Kredite an andere Banken zu vergeben? Dabei ist die Lage doch eigentlich jetzt schon viel, viel besser: die schlimmsten Leichen bereits ausgegraben und saniert, die Staaten schützen die Kreditmärkte und die Managerboni sind auch sicher! Nun traut man sich nicht mehr? Man kann leicht erkennen: eine einzige Psychonummer.

Bis die Journalisten allerdings auf den richtigen Psychologie-Trichter gekommen sind (-> nicht ganz so schwarz malen), ist die Binnenkonjunktur an die Wand geschrieben – klar, nach 6 Monaten hat ja auch der letzte Depp die schlechte Stimmung aufgesogen und nachgeplappert – und die Sparquote ist riesig und jedes vernünftige Wachstum auf drei bis fünf Jahre völlig verbrannt. Gut gemacht, liebe Journalisten – die Lage halb verpeilt und kräftig mitgeholfen es noch schlimmer zu machen. Natürlich ist das nicht gut, denn die ganzheitliche Betrachtung wurde vernachlässigt und dazu und dadurch noch in die falsche Richtung gehandelt/geschrieben.

Hört auf Herrn Trichet

Da fällt mir abschliessend nur noch eines ein und Herr Trichet hat es so schön gesagt: “Liebe Kollegen, bitte, reissen Sie sich zusammen!”[2]. An dieser Maßgabe können sich nicht nur die Bänker eine dicke Scheibe abschneiden – Perspektiven sind wichtig! Und öfter ist besser.

Also, insbesondere in diesem Fall: head up und Augen gerade aus!


[1]: die vielen, vielen aufrechten Schreiber, will ich ausdrücklich ausnehmen und weiterhin gerne ihre Texte lesen.
[2]: mit diesem Zitat möchte ich mir nicht anmaßen, mich selbst dem Stand gleichzustellen

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Diskussion

Kommentare wurde für diesen Eintrag abgeschaltet.

  1. [...] aber selbst Konjunkturpakete nichts bewirken. Sehr gute Gedanken dazu findet man in dem Beitrag Die Verantwortung der Journalisten im Motorcity Blog ; der sich der Thematik der Berichterstattung zur Wirtschaftskrise und Rezession [...]

    Eingetragen von Rezession 2009 in Österreich : Prognose der OECD | November 26, 2008, 09:49