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Stadtkultur

Meine private Bürgersprechstunde zum Opel-Forum in Rüsselsheim

Heute war (als Teil der Planungs-, Bau- und Umwelt- und Kulturausschusssitzung) Bürgersprechstunde[1] im Plenarsaal des Stadtparlamentes zum Thema Opel-Forum. Das ist sehr gut, denn dieses Thema wird ja in den letzten Wochen und in unserer Stadt wirklich mit hoher Frequenz und Informationsdichte besprochen.

Das Prozedere war mir leider vorab nicht bekannt, etwas wirrer Weise lag die Bürgersprechstunde zeitlich vor der Vorstellung des momentanen Projektstandes durch die verantwortlichen Betreiber und Investoren – so dass man im Zweifel gar nicht auf das Konzept mit aktuellem Stand hätte eingehen können, sondern nur ‘herumvermuten’ – was leider auch eintrat.

Die Bürger sprachen

Tja, man kommt nicht umhin so deutlich zu sein: leider haben die Bürger etwas dünn gesprochen. Mit einer Ausnahme doch merklich fortgeschrittenen Alters (65+), tönten die Meinungen unisono sinngemäß “Das kann man doch nicht bauen, das wird nie voll, das brauchen wir nicht!” – hehe, böse Zungen amüsieren sich ja schon lange mit dem Leitsatz ‘Rüsselsheim bekommt das Einkaufszentrum, das seine Bürger verdienen.’ und wenn man da so zugehört hat, war das auch zu befürchten. Nein, dem wollen wir entgegnen, viele Menschen in dieser Stadt (und freilich ich selbst) unterstützen dieses Projekt ausdrücklich!

Mit dieser rückwärts gewandten Art einiger Bürger konnte ich noch nie etwas anfangen, die wird ignoriert. Liebe Stadtparlamentarier, hört nicht auf diese Bürger, denn sie sind vermutlich nicht die Mehrheit, sie haben sicher in der Masse auch tatsächlich kaum Mittel zur Bewertung der Situation und wenn an der Stelle des geplanten Opel-Forums nichts geschieht, werden wir am Ende ein schwarzes Loch ernten (und davor hatten ja auch schon beim LHC alle Angst).

Ich bedauere ja auch die Politiker, da muss man sich endlos diesen Mist anhören und darf nix entgegnen, weil man ja wiedergewählt werden will. Wahlkampf und Stadtrundgänge müssen die Politikerhölle auf Erden sein. Ich würd’ denen allen über’s Maul fahren, es wäre ein Schützenfest, zum Glück fragt mich aber keiner und ich kann mich in der gleichen Zeit in Demut üben.

Die Investoren sprachen

Etwas lang und mit zu viel Rückblick bis 2006 und viel zu vielen Quadratmeterzahlen – aber auch mit vielen wesentlichen Informationen. Die Investoren sind weiterhin motiviert und die Vorstellung des Einkaufszentrumsprojektes liess auch mal wesentliche Teile durchblicken, die man sich so erwartet: Foodcourt, überdachter Adamshof, Hauptbewegungsachsen des Zentrums, Verkehrsanbindung, Fußgängeranbindung an die Innenstadt, Inlays und Grafiken der veränderten Fassaden. Den GFK-Studien nach stimmt die Kaufstimmung auch. Sehr gut, all diese Informationen haben lange gefehlt und sie werden naturgemäß – nur in so einer Sitzung präsentiert – immer noch zu wenige Bürger erreichen.

Die Investoren gehen auch professionell mit der Kritik um, bei empfundenem, stärker werdendem Gegenwind hätte man auch angespannter vortragen können, das ist (von einem etwas überschäumenden Sprecher abgesehen) nicht passiert und das fortgesetzte Commitment ist positiv zu bewerten, einer konstruktiven Arbeitsatmosphäre steht nichts im Weg. Und ich will auch hoffen, dass nicht künstlich etwas in den Weg manövriert wird, bitte.

Meine starke Kritik am geplanten Abriss der Südfassade

[Vorab: ich bin um 20:00 Uhr gegangen, unser Baby ins Bett zu bringen erscheint mir wesentlich wichtiger, als diese Diskussion]

Vorbehaltlich des Fortschritts der Diskussion zu diesem Punkt am heutigen Abend, mag ich mich energisch gegen den Abriss der Südfassade entlang der Bahnstrecke stellen – wegen deren stark identifikationsstiftendem Charakter. Ansatzpunkt für die Kritik ist eine Aussage während des Vortrages der Architekten Schultze + Schulze, “der Abriss sei nötig, wegen der Differenzen der Geschosshöhen” und den dazu vorher in Verlautbarungen vorgetragenen Begründungen. Weiterhin an der Aussage “der vormals beauftragte Architekt habe die Fassade wie eine Tapete erhalten wollen” <- ja, aufgehorcht, genau das wollen wir!

Ich hole zur Begründung etwas aus: neulich verschlug es mich mal nach Hamburg und neben der Arbeit war zum Glück auch ein wenig Freizeit drin – die wurde genutzt zu einem Rundgang entlang der Innenalster, nobel, nobel da. Und dort haben die – unglaublich, im reichen Hamburg – das rüsselsheimer Modell durchgezogen: hinter einer wirklich schicken Fassade wurde ein Gebäude von gar schrotteligem Zustand abgetragen, nur der erste 3/4-Meter Außenmauer blieb, von einem stählernen Stützgerüst dauerhaft fixiert, stehen. Die Geschosshöhe des neuen, dort bereits zur Hälfte errichteten Gebäudes wich ebenfalls, wie in unserem gedachten Fall, von der Geschosshöhe der historischen Fassade ab und es ergaben sich einige schöne Effekte: die neuen Beton- und Stahlträgerdecken waren durch die historischen Fenster zu sehen und das Licht fiel sehr schön von oben aus den vorgelagerten, alten Fenstern heraus. Und ein wesentlicher Teil meiner täglichen Arbeit befasst sich mit aktuellem Design, ich beurteile daher mal: das sah dort in Hamburg sehr zeitgemäß und Shopping-einladend aus.

Hier bei uns hören wir allerdings heute, dieses Modell sei nicht möglich wegen der abweichenden Geschosshöhen. Dazu stellen sich die Fragen

  • Warum wird ein Erhalt der Südfassade heute nicht mehr in Betracht gezogen? Das war einmal Teil des Planes.
  • Wird der Erhalt abgelehnt, weil er merklich teurer wäre? Wenn ja, wie beläuft sich die grobe Differenz?
  • Wird der Erhalt abgelehnt, weil Bahnfahrer durch große Schaufenster angezogen werden sollen?
    (Wäre ja womöglich sinnvoll, eventuell könnte es eine Mischlösung geben, etwa 1/3 Abriss.)
  • Warum will man uns großflächig recht unschöne Solarpanele zumuten? (kollidiert freilich mit obigem Schaufensteransatz)
  • Werden Solarpanele nur zur schnelleren Refinanzierung des Projektes installiert?
  • Gar wegen der Ökobilanz? (was wir als einzig angegebenen Grund kaum glauben könnten, Geld spielt immer eine Rolle)
  • Und schliesslich, und einfach überhaupt nicht wegzureden, folgendes Paradoxon: auf einem Foto der Gebäudeecke Südfassade-Bahnhofsplatz kann man leicht sehen, dass die Fenster/Geschosshöhen zum Bahnhofsplatz und entlang der Südfassade identisch sind. Warum kann man dann die Fassade um das Hauptportal erhalten (und betont das) und die offenbar identische Fassade entlang der Bahn nicht? Das weist uns unmittelbar darauf hin, dass hier nicht alle Informationen bereitgestellt werden – und das nennt man dann einen SHOWSTOPPER.

Mit diesen Fragen sollten Projektmanagement und Architekten offen und positiv umgehen, man kann ja im Zweifelsfall sagen, eine Gestaltungsvariante sei günstiger in der Umsetzung, aber man wird es einmal sagen müssen – dann kann das Parlament abwägen. Sonst wird es als Gemauschel diskutiert werden und Mißtrauen führt zu weiterer Ablehnung des Projektes.

Und das schreibt ein Unterstützer des Projektes: ja, gerne, reissen Sie den ganzen Kram innendrin[2] ab, alles alter Schrott, verseucht und muss auf die Deponie – nur die aller äußersten Mauern[3] sollen den stolzen Charakter dieser Stadt, der Firma Opel und des Gemäuers selbst auf lange Zeit hin ausstrahlen! Das wird doch wohl zu schaffen sein.

Und noch zum Thema Unterstützer: ja, auf jeden Fall, aber nicht unter einem Willkürdiktat der Investoren, dann fahr’ ich lieber ins <anderesEinkaufszentrumName>. Das Wunschverhältnis zum Rathaus sollte lauten ‘Partnerschaft auf Augenhöhe’, nicht ‘Pistole auf die Brust’.

Informationsdefizit

Sagt mal liebes Rathaus, liebe Investoren, wieso gibt’s eigentlich keine Internetseite www.opel-forum-vorgestellt.de? Was extrem zu kurz kommt, sind zum Beispiel die Bilder, die der Architekt heute in der Sitzung gezeigt hat – schön groß und nicht als schlechte Kopie in der Sitzungsanlage für heute, so dass sie sich jeder Bürger in Ruhe ansehen kann? Zu jedem Bild 3 Sätze Erläuterung, das Konzept mit einer 3/4-Seite textuell umrissen und übersichtlich dargestellt, da steigt die Akzeptanz bei den Bürgern merklich. Ruft mich mal im Büro an[4], dann bauen wir sowas professionell & zügig.

[1]: meine “private” habe ich geschrieben, weil ich sie hier fortsetze
[2]: vielleicht erhält man wirklich 5% als Industriedenkmal, als Teil des Museums or whatsoever
[3]: der Westen interessiert mich, wegen der geringen Passantenfrequenz dort garnicht – aber freilich wird dort irgendwann man der Zubringer verlaufen und man sieht die Fassade auch.
[4]: ja, Eigenwerbung, schon gut, klappern gehört zum Handwerk ;-)

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