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Politikerkonsorten

Die City Cloud Rüsselsheim ‘demystified’ – was dahinter steckt

Neulich, am 18.04.2013, war ich zu einer Veranstaltung der Wirtschaftsförderung Rüsselsheim im Mercure Hotel eingeladen. Einige Geschäftsführer, der Oberbürgermeister und ein paar weitere Wissensträger waren vor Ort und Inhalt war die Vorstellung der City Cloud Rüsselsheim für Unternehmer im Pilotgebiet “Hasengrund” – da gehören wir angenehmer weise dazu, das ist definitiv eine positive Überraschung. Zwar bewegen wir tendenziell keine großen Datenmengen, die Latenzen (Wartezeiten) im heutigen DSL-Netz des Magenta-Riesen sind aber derart groß, dass man durchaus froh ist, wenn sich bei den Netzbetreibern etwas tut.

Was bedeutet also City Cloud Rüsselsheim?

Unter dem Begriff City Cloud Rüsselsheim werden grob 2 recht verschiedene Dienstleistungen verstanden, die zukünftig vermutlich auch vertraglich mehr oder minder komplett getrennt gemietet werden können:

  • die Stadtwerke Rüsselsheim werden Infrastrukturanbieter/Netzbetreiber für ein stadt-eigenes Glasfasernetz und verkaufen darüber Internet, Telefon und ggf. weitere Datendienste (TV over IP etc.), werden also Konkurrent z.B. der Telekom oder Unitymedia.
  • die Firma NCT GmbH aus Trebur wird als Serviceangebot – über das neue, schnelle Glasfasernetz der Stadtwerke erreichbar, aber Stand heute nicht zwingend vertraglich damit verbunden – verschiedene Anwendungen im Rechenzentrum von e-shelter bereitstellen (das dürften Dienste wie remote Backup, hosted applications (aka. ‘Mietoffice’) oder andere Servergeschichten sein).

Für den, der dieses Fachchinesisch zu deuten weiß, ist also eine klare Angebotstrennung zu erkennen (Netzdienste vs. Clouddienste) und das ist durchaus sehr vernünftig.
Über das Geschäftskundenangebot von NCT war leider noch überhaupt nichts bekannt und auch kein Vertreter anwesend (warum?), bei den Glasfasernetz-Diensten der Stadtwerke gab es aber durchaus einige positive Tendenzen zu erkennen: ein schneller Datenanschluss mit Standard-Telefonie inklusive soll ab ~34.95 Euro im Monat zu bestellen sein, das ist ein solides Angebot. Und das schon ab Juni 2013, na hola!

Wichtiges Detail

Ein wirklich wichtiges Detail bei Glasfasernetzen ist, dass ich die Leitung für mich alleine bekomme! Wie alleine? Ja, wirklich ganz alleine. Glasfasern sind so dünn, dass man unter der Straße hunderte davon parallel verlegen kann und vom Knotenpunkt (im Konzept der Stadt ‘POP‘ genannt) bis zu meinem Büroanschluss bekomme ich wirklich so eine Glasfaser exklusiv für mich verlegt – und das, wo die Faser ohnehin schon so sehr viel schneller ist als DSL.
DSL hingegen funktioniert anders: ab dem letzten Knoten der Telekom teile ich mir die Leitung und deren Kapazität mit meinen ggf. recht vielen Nachbarn, nicht nur in meinem Haus, sondern auch in den Häusern nebendran. Dadurch werden DSL-Leitungen ggf. merklich lahm.

Die politische Seite – was sagt die ROI-Rechnung?

Dieses Blog befasst sich ja auch immer mit der Kommunalpolitik – und unter dem Aspekt ist das Thema dann schon gefühlt deutlich weniger erfreulich: was für mich als Unternehmer eine echte Erleichterung ist – ich bekomme eine super schnelle Glasfaserleitung zu einem vertretbaren Preis, kann sich für die Kasse der Stadtwerke zu einem jahrzehntelangen Geldgrab entwickeln – jedenfalls ist das ein möglicher Ausgang der Geschichte.

Warum ist das so? Die Anfangsinvestition der Stadtwerke wurde beim obigen Termin vom Geschäftsführer mit 19 Mio Euro beziffert, bei dem Treffen waren ungefähr 20 interessierte Unternehmer anwesend. Wir sind ja aber alle Optimisten für unsere Stadt, nehmen wir mal an es fänden sich vielleicht 800 Kunden für die erste Ausbaustufe des Glasfaserdienstes, dann gibt das

19.000.000 Euro Investition / 800 Kunden  = 23.750 Euro Investition pro Kunde

mit denen die Stadtwerke bei Projektstart in Vorlage treten, das klingt viel.

Zahlt ein durchschnittlicher Kunde (frei angenommen) 50 Euro im Monat, haben die Stadtwerke nach 475 Monaten (39 Jahre und ‘e Bissje’) die Investition wieder heraus. Aber noch keinen Gewinn gemacht. Da muss man schon hoffen, dass das Netz sehr lange hält, keine Wartungsinvestitionen benötigt werden und die fleissigen Vermarktungsmitarbeiter der Stadtwerke ordentlich Zusatzdienste verkaufen, um die Gewinne zu verbessern. Ansonsten hätte man eine echt schlimme Leiche im Keller.
Auf die ROI-Rechnung zu diesem Vorhaben wäre ich wirklich mal neugierig, ich bin da ein aufmerksamer Zuhörer.

Die alte Politikleier sagt: solche Infrastrukturprojekte sind freilich *jaaaaaaaaaaaa* (mit soooo einem lange Bart) immer Zuschussgeschäfte, aber so viel Zuschuss? Die, die da in der Stadtverordnetenversammlung zugestimmt haben, hatten ja von dem Thema vermutlich mal gar keine, Korrektur: eher rudimentär Ahnung. Au Backe, denkt sich der sparsame Schwabe, 19 Mio (und später bis 36 Mio für das ganze Stadtgebiet) sind schon unglaublich viel Geld.

Wer war Souffleur für diese Idee? Welche Berater haben die Stadtwerke beraten? Waren da auch Lobbyisten im Spiel? Wie genau wurde die Finanzierung gerechnet? Wer sind die Auftragnehmer für den Netzausbau? Sie die Zahlen wirklich so deprimierend, wie das obige Beispiel? Jemand der regelmäßig die überregionale Presse liest, dem stellen sich da eine Reihe solcher Fragen. Unseren Stadtpolitikern aber vielleicht nicht, alle Parteien haben scheinbar ohne nennenswerte Prüfung zugestimmt (genau weiß man das als Außenstehender freilich nicht, nur die Abstimmung schien sehr harmonisch). Man wird nicht recht schlau draus.

Bearbeitung, 25. April 09:50

Ergänzend noch vier Hinweise (z.T. aus dem Zusammenhang genommene Einzelaspekte), die im Laufe der Diskussion aufgekommen sind

  • Ein Beispiel zur Einordnung der Kosten: ein direkter Kollege hat in Bergheim (bei Köln) in einem Neubaugebiet gebaut und benötigte naturgemäß eine akzeptable Datenleitung. Sein Netzanbieter (in dem Fall Unitymedia) hat ihn mit 11.000 Euro an den Kosten der Erschliessung beteiligt. Nimmt man an, das seien anteilige Kosten und multipliziert mit 2, kommt man in die Nähe der hier von mir beispielhaft ausgerechneten 23.750,00 Euro.

  • Zur politischen Bewertung ein Zitat: “Hier trifft dann in der Tat das Argument zu, dass das auch was mit Wirtschaftsförderung und Standortpolitik zu tun hat.” (Frank Tollkühn, Stadtverordneter). Vielleicht müssen Infrastrukturvorhaben sich nicht unbedingt rechnen, Straßenbau z.B. ist entsprechend zu sehen, bleibt nur zu hoffen, dass andere Konkurrenzstandorte/Städte/Netzbetreiber nicht zu schnell nachziehen und Rüsselsheim durch die Maßnahme auch eine gute Anzahl neue Unternehmen hinzugewinnt. 

  • Wurde LTE als alternative Technologie ausreichend evaluiert?

  • Die ROI-Rechnung auf sehr lange Zeit: die Rechnungen basieren soweit bekannt auf 20-Jahres-Annahmen, heute wissen wir aber sicher, dass Technik die vor 20 Jahren relevant war, allenfalls noch eingeschmolzen werden kann und Schrottwert besitzt.

Insgesamt scheint die Investition also sinnvoll, die Frage bleibt, ob sie zu teuer erkauft wurde – und das in Zeiten enorm enger Haushaltsrahmenbedingungen.

Fazit

Was mache ich also als guter Bürger? Wenn es sich irgendwie rechnet, miete ich so eine Leitung, damit der Verlust für die Stadt nicht noch größer wird ;-). Und für mich ist sie ja super schnell und praktisch.

Und ich stelle keine weiteren Fragen. Guter Bürger, sitz.

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